Subjektive Videospieltests – eine kontroverse Geschichte

Vor einigen Tagen ist auf Gamersglobal.de, jenem kleinen, unabhängigen Spielemagazin in Netz, einiges an Aufruhr zu lesen gewesen. Der Grund ist der Test zu Metroid Dread, dem neuen Nintendo-Metroidvania. Jörg Langer, der Chefredakteur von Gamersglobal, hatte dem Spiel nach einigen Stunden des Spielens, eine eher mittelprächtige Bewertung verpasst. Die Gründe hatte er im Test entsprechend dargelegt – dennoch sah er sich in den folgenden Tagen einem Sturm der Entrüstung mit – teils ins persönliche gehenden – Diskussionen in der Kommentarspalte ausgesetzt.

Was mich daran stört, ist weniger die eigentliche Bewertung des Spiels. Ich persönlich kann mit Metroidvanias insgesamt nicht viel anfangen, und war zu Beginn höchst gefrustet von dem Spiel. Später wurde das etwas besser, so dass meine eigene Bewertung für Metroid Dread wohl etwas höher ausfallen würde.

Was ich aber sehr irritieren finde, ist die Unfähigkeit vieler Netzbewohner, mit einem gesunden Maß an solche Dinge heranzugehen. Es geht hier um einen Spieletest, und eine subjektive Bewertung eines Menschen, der dieses Spiel gespielt hat. Noch dazu von jemandem, der diesen Job seit 20 Jahren macht, und der Erfahrung darin hat, seine Eindrücke beim Spielen zu abstrahieren und in eine Bewertung zu überführen. Natürlich muss nicht jeder diese Auffassung teilen – aber mehr als ein schulterzuckendes „Sehe ich anders“ , vielleicht noch ein konstruktives „Sehe ich anders, weil…“ ist doch absolut unangebracht.

Auf Wunsch eines großen Teils der Leserschaft hat sich Gamersglobal.de vor einigen Jahren zu subjektiven Tests bekannt. Damit gemeint sind Tests, die ein bisschen von dem in der deutschen Spielepresse lange zelebrierten „Stiftung-Warentest“-Charakter weg und mehr in Richtung Film- oder Musikkritik gehen. Es wird nicht mehr versucht, ein für jeden Leser passendes, universelles und objektives Wertungsgerüst zu bedienen, sondern mehr den eigenen, eben subjektiven Eindruck des Testers auszudrücken.

Wenn man bedenkt, wie vielseitig und mit wie vielen Nischen durchzogen die Gamerszene heute ist, ist dieses Bekenntnis zur Subjektivität zu begrüßen. Man wird wohl kaum als „Allrounder“ in der Lage sein, bei einem nischigen Linienbus-Simulator auch die letzte Schalterbeschriftung eines MAN Lion’s City LE Ü auf deren Korrektheit zu überprüfen und damit dem Realitätsanspruch eines Bus-Simulator-Geeks (selbst vielleicht 40 Jahre bei den Stuttgarter Verkehrsbetrieben beschäftigt) gerecht zu werden. Dieses beispielhafte Dilemma löst eine subjektive Kritik – denn hier drückt der Tester aus, was er selbst bei Spielen empfunden und erlebt hat und leitet daraus – soviel Professionalität darf man unterstellen – so gut es geht eine allgemeingültige Einschätzung ab.

Subjektive Spielekritiken erfordern von der Leserschaft ein gewisses Entgegenkommen. Zum einen muss klar sein, dass nicht immer sichergestellt ist, die eigene „Wunschbewertung“ unter einem Spieletest zu lesen. Zum anderen muss klar sein, dass eine von der eigenen abweichende Sichtweise nicht bedeutet, der Tester habe keine Ahnung oder sei inkompetent. Insbesondere wenn es um einzelne Bewertungen geht, denen man selbst so gar nicht folgen kann.

Die heutige Spieleszene ist in der glücklichen Lage, mehr Quellen für den eigenen Informationsgewinn zu finden, als alle Spielergenerationen zuvor. Wenn in den 1990ern ein Spiel gleich durch mehrere der großen Magazine am Markt mittelmäßig bewertet wurde, dann war das in der Regel ein Dienst am Kunden – aber für die Hersteller eine herbe Enttäuschung, die nicht selten zu Diskussionen und manchmal sogar bis hin zu Sanktionen führte.

Heute ist dieser Einfluss auf die Branche für ein einzelnes Spielemagazin nicht mehr gegeben – zu zerfasert ist der Informationsmarkt in klassische Magazine, online oder Print, Youtuber, Streamer, Influencer, Blogger, etc. Ein positiver Aspekt für den Spieler ist, dass dieser sich nicht nur auf einzelne Quellen verlassen muss, sondern ein regelrechtes Meinungsbild – quasi eine Durchschnittswertung – herausarbeiten kann. Wer möchte, kann sich seine Handvoll „Lieblingsmagazine“ zusammenstellen und bekommt für jedes Spiel gleich mehrere unterschiedliche Meinungen. Das ganze erinnert nicht nur an die selige „Schulhof-Zeit“, wo neueste Spiele mit den Gamer-Freunden durchdiskutiert wurden und irgendwann klar war: „Der Norbert, der findet jedes Fußball-Spiel klasse, steht aber nicht so auf Adventures. Wenn ich den nach dem neuesten Soccer-Game frage, muss ich von seinem Eindruck etwas abrechnen, um auf meine „Wertung“ zu kommen…

Dieses Prinzip hat aber ein großes Problem, denn durch die immer kleineren Kuchenstücke sind Magazine noch stärker darauf angewiesen, ihre Leserschaft zu halten. Nicht wenige bedienen sich deshalb jeglicher Versuche, ihren Leserinnen und Lesern mit einer Art journalistischem „Fan-Service“ immer genau das zu servieren, was diese erwarten.

Und zurück zu Metroid Dread: Metroidvanias haben – ähnlich den Souls-Spielen – eine Fanbase, die sich gern als Core-Gamer sieht. Die auf möglichst herausfordnernde Spiele steht. Gleichzeitig haben Nintendo-Produkte einen sehr guten Ruf, und zuletzt ist Metroid eine Serie, die Tradition hat und deren Titel immer lange erwartet und entsprechend gehypt werden. Diese Mischung macht es schwer, eine vom Mainstream-Konsens (bei Metroid Dread liegt der aktuell so um die 85%) abweichende, subjektive Bewertung zu verfassen.

Und umso mehr sollte man würdigen, wenn ein Magazin dies tut. Wenn ein subjektiver Eindruck eben ungeschönt geteilt wird, mit den Wissen, dass der „Rest der Welt“ aus unterschiedlichsten Gründen dies wohl anders sieht. Unabhängigkeit und eine eigene Meinung – sind das nicht genau die Attribute, die man sich von einem Spielemagazin damals wie heute gewünscht hat?

Bei all den Erklärungen und Zusammenhängen bleibt dennoch die weiter oben schon gemachte Aussage: Zu mehr als einem „Sehe ich anders“ sollte all das nicht führen. Spiele sind ein Hobby, und Glaubenskriege finden in der Welt schon genug statt…

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