DIE TRANSPARENTS IM INTERNET

Drei Programme und um 20:15, wenn die Tagesschau vorbei ist, geht der Fernsehabend los. Das ist lange her und die magische Uhrzeit schon fast Geschichte. Im Fernsehen kann man zwischen Unsinn auf 60 Kanälen wählen und sehen will man meistens nichts davon. Die Lösung findet sich schnell im Internet, mittlerweile sogar legal auf diversen Streamingportalen. Dass diese längst und überaus erfolgreich bei der Serienproduktion mitmischen, ist spätestens seit Qualitätsformaten wie HOUSE OF CARDS, die im Fernsehen ihresgleichen suchen, klar.

Was hingegen unklar ist in diesen Tagen, sind die Kriterien für Auszeichnungen in diesem Segment. Ein Golden Globe für die „Beste Fernsehserie“ zum Beispiel kann auch an Internetformate vergeben werden wie in den letzten Jahren zunehmend geschehen.

In diesem Jahr ging auch Amazon mit einer Serie ins Rennen um die goldenen Weltkugeln und landete einen Überraschungshit, indem das eigentliche Internetkaufhaus gleich zwei der Fernsehhauptpreise für Transparent abräumte: „Best TV-Series, Musical or Comedy“ und „Best Actor in TV Series, Musical or Comedy“.

Diese Preise werfen gleich mehrere Fragen auf, zum einen handelt es sich weder um eine TV-Serie noch um ein Comedy- oder gar Musical-Format. Zum anderen stellt sich die Frage danach, wo es hinführt, wenn ein Dank Cookies und Datenspeicherung allwissender Weltkonzern zukünftig unser Unterhaltungsprogramm bestimmt.

Zur Serie ansich: Gleich nach Gewinn der Preise blinkte rechts im Browserfenster die Amazon-Werbebotschaft auf, dass Transparent ab sofort gratis auf Lovefilm/AmazonPrime zu sehen sei. Ein Angebot, dass an einem verregneten Wochenende kaum abzuschlagen ist, wenn man ohnehin neugierig darauf ist, was preisgekrönte „Kaufhaus-Unterhaltung“ zu bieten hat.

Nach zehnmal knapp 25 Minuten Transparent (was die komplette 1. Staffel ist) erschließen sich weder die angepeilte Zielgruppe noch der Grund, warum Amazon meinte, die Welt bräuchte dieses Format, geschweige denn , was die Hollywood Foreign Press Association (HFPA), die die Golden Globes vergibt, dazu bewegt hat, diese Sendung auszuzeichnen. Gerne sind Juries bei der Vergabe von Filmpreisen eher politisch motiviert, als dass es um das tatsächliche Werk geht, aber selbst das erklärt in diesem Fall wenig.

Worum geht es? Die Serie kreist um die Familie Pfefferman, drei erwachsene Kinder, deren verkorkste Leben, und die Tatsache, dass der Vater nach über 60 Jahren im falschen Körper beschließt, fortan als Frau zu leben. Als ob das nicht hinreichend Stoff für zehn Episoden gewesen wäre und das Thema allemal kontrovers genug, ist hier eine kurze Auswahl der weiteren Themen, die die Handlung von Transparent bestimmen (Achtung. Spoiler!):

  • Der Vater ist transsexuell.
  • Die Eltern sind geschieden.
  • Der neue Mann der Mutter ist ein Pflegefall und kann aufgrund eines Schlaganfalls nicht mehr sprechen.
  • Die Mutter lebt in einer highclass Seniorensiedlung mit dem dazugehörigen Reglement.
  • Der Vater zieht in eine LGBT-Apartment-Siedlung, in der er nicht wirklich gut zurecht kommt.
  • Er tut sich dort mit einem anderen Transsexuellen, der als Frau lebt, zusammen, die Beziehung bleibt als einzige unklar.
  • Die älteste Tochter verlässt zu Beginn ihre Familie, um lesbisch zu werden.
  • Der Sohn ist sexsüchtig und schläft vorzugsweise mit Teenagern.
  • Einer der Teenager wird schwanger und treibt das Kind gegen dessen Willen ab.
  • Der Sohn hat nebenbei eine Affäre mit seiner Kinderfrau seit er 15 ist.
  • Die Kinderfrau hätte bei Russ Meyer mitspielen können.
  • Der Sohn verliert seinen Job.
  • Die jüngste Tochter hat keinen Job.
  • Sie nimmt Drogen, um gleichzeitig mit zwei schwarzen Männern Sex zu haben.
  • Als sie will, dass diese miteinander Sex haben, fliegt sie raus.
  • Danach datet sie eine Transsexuelle, die jetzt als Mann lebt, und sie sexuell dominiert.
  • Sie schneidet sich die Haare kurz und experimentiert fortan mit ihrem Äußeren zwischen „high fem“ und „low fem“.
  • Die ganze Familie ist jüdisch.
  • Da die jüngste Tochter ihre Bat Mizvah als 13jährige geschmissen hat, möchte sie diese nachholen, so wie ihr Studium, das sie scheinbar auch geschmissen hat.
  • Der Sohn vögelt derweil die Rabbinerin.
  • Das schwarze Stiefkind der Ex-Frau der neuen lesbischen Freundin der Tochter zieht ein.
  • Die älteste Tochter, jetzt lesbisch, wird mit der Situation nicht mehr fertig und lässt sich Cannabis als Medikament verschreiben.
  • Weil die lesbische Freundin clean ist, muss sie das Gras heimlich rauchen.
  • Der Sohn vögelt beinah auch die schwarze Stieftochter, deshalb fliegt sie bei den Lesben raus und zieht bei ihm ein.
  • Die jüngste Tochter erfährt derweil, dass ihr Bruder auch ihre beste Freundin vögelt. Diese gesteht, dass sie das nur tut, weil sie in Wirklichkeit die ganze Zeit in sie verliebt ist.
  • Der Noch-Ehemann der Tochter, die jetzt lesbisch ist, datet nun seine Assistentin, die ein behindertes Kind hat.
  • Der Konflikt mit der Demenz des neuen Mannes der Mutter wird größer, er geht regelmäßig verloren.
  • Die Mutter erträgt die Krankheit nicht mehr und die Familie inkl. des transsexuellen Vaters beschließt gemeinsam Sterbehilfe zu leisten.
  • Als der angeblich demente Mann das zufällig hört, begeht er Selbstmord.
  • Auf der Beerdigung stellt die damalige Kinderfrau einen jungen Mann vor, der sich als ihr Sohn entpuppt, den sie zur Adoption freigegeben hatte. Sie war schwanger geworden als sie mit dem 15jährigen Pfefferman-Sohn schlief.
  • Der Sohn stellt sich zum Staffelende als schwer religiöser Christ heraus.

Bei dieser Fülle an diskussionswürdigen Themen verwundert es nicht, dass die Transsexualität des Vaters bisweilen etwas kurz kommt. Überhaupt versammelt die Serie die schrecklichsten Figuren, die je eine Fernsehfamilie (sofern das noch der richtige Begriff ist) gesehen hat. Jedes der Kinder ist an Selbstsucht nicht mehr zu überbieten und scheitert ununterbrochen an sexueller Orientierungslosigkeit, den Aspekt der vermeintlichen Religiosität mal außen vor gelassen. Es scheint geradezu als wäre es das ausdrückliche Ziel der Drehbuchautoren gewesen, mehr kontroverse Themen in 25 Minuten unterzubringen als je jemand zuvor. Leider haben sie zu diesem Zweck unfassbar grauenhafte Dialoge geschrieben, die den Zuschauer die Haare raufen lassen. Dabei hatte zumindest eine der zahlreichen AutorInnen bereits für SIX FEET UNDER geschrieben.

Die Idee, die Geschichte des Vaters weitestgehend in Rückblenden zu erzählen gelingt tatsächlich – visuell sehen die 90er Jahre jedoch vollkommen nach den 70ern aus, in Sepiatönen und mit Koteletten. Dennoch ist der Look der Serie, beginnend mit dem Vorspann aus alten VHS-C-Aufnahmen, recht ansprechend – ihre Figuren sprengen jedoch jeglichen Rahmen. Einzig heraus fällt die Figur des Vaters, der tatsächlich der einzig halbwegs vernünftige Mensch in der Familie zu sein scheint. Und, das muss man ihm lassen, Jeffrey Tambor spielt ihn hervorragend. Ihm sind die kleinen, raren Momente zu verdanken, in denen die Serie dann doch über sich hinauswächst, die aber leider immer wieder vom Rest zunichte gemacht werden. Auch Judith Light (bekannt aus „Wer ist hier der Boss?“) ist ein Highlight als leicht histrionische Mutter. In einer der zahlreichen Nebenrollen sticht Melora Hardin als lesbische Lebenspartnerin der Tochter heraus, die sie mit der femininen Männlichkeit einer Ellen DeGeneres spielt.

Dass die HFPA das für großartige, ja sogar lustige Unterhaltung hält, ist nun bekannt. Es gab übrigens exakt zwei Stellen, die zum Lachen waren. Der Rest war dann doch eher traurig, was nicht verwundert bei fünf Hauptfiguren, die in jeder Hinsicht am Leben scheitern. Merkwürdig nur, dass das scheinbar einzige, womit sie alle zumindest oberflächig beeindruckend gut klarkommen, die neue Identität des Vaters ist. Eine Reaktion der LGBT-Community wäre spannend. Und auch was die jüdische Community von dieser direkt aus dem Leben gegriffenen Familie denkt, könnte unterhaltsam sein.

Wie sich der Konsum der 10 Folgen nun auf die Amazon-Identität des Zuschauers auswirkt, bleibt abzuwarten. Wird der, der bis zum Ende durchgehalten hat, nun mit günstigeren Preisen belohnt oder mit Angeboten für Sexspielzeug bombardiert? Was wird bei der Themenauswahl zukünftig auf Lovefilm/AmazonPrime in der Rubrik „Weil Ihnen Transparent gefallen hat, interessiert sie auch…“ aufgeführt? Und wie lange wird es dauern, bis man diese Empfehlungen wieder los ist?

TRANSPARENT, USA 2014-, 1. Staffel (10 Folgen), Lovefilm/AmazonPrime

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