ÄKTA MÄNNISKOR

Künstliche Menschen. Seit Anbeginn des Films haben sie Leinwände und Bildschirme in unterschiedlichsten Weisen bevölkert. Als Maschinenmenschen oder organischer Natur oder als Hybriden aus beidem. Eins ist ihnen immer gemein, irgendwann entwickeln sie ein Eigenleben und geraten außer Kontrolle.

Lange bevor die Bilder laufen lernten schrieb Mary Shelley bereits die Geschichte vom unaufhaltsamen Wissenschaftler und seiner Kreatur nieder, später folgten der damals noch gänzlich organischen Gestalt, zahlreiche technische Varianten: solche, die von vornherein auf Rache programmiert sind, wie der T-1000 und seine Nachfolgemodelle, und solche, die ein Bewusstsein entwickelten und gern Mensch geworden wären wie Maria (Metropolis), Rachael (Blade Runner) oder David (A.I.). Letztere Kategorie vorrangig von Frauen und Kindern besiedelt und an biblischen Namen zu erkennen, ist ihr Konflikt doch immer der, dass Ihr Schöpfer sie anders gemacht hat als die anderen.

Während alle gängigen Geschichten dieser Art immer gleich das quasi „letzte Gefecht“ zwischen Mensch und Maschine über Leben und Tod zum Inhalt haben, setzt eine schwedische Fernsehserie diesen Konflikt nun einmal anders in Szene. Zunächst beginnt zwar auch Äkta Människor – im Deutschen Real Humans – mit der Aufsplittung zwischen den Outlaws unter den Robotern, die sich bereits gegen die Menschen gewendet haben, kriegt aber dann noch einmal die Kurve zum eigentlichen Alltag mit der Maschine.

Angesiedelt in einer realen Welt, die unserer Zeit entspricht, ist der technische Fortschritt dem unsrigen einen kleinen Schritt voraus. Unsere Hightech-Küchenmaschinen und technischen Hilfsmittel im Alltag sind bereits sogenannten Hubots – humanoiden Robotern – gewichen. Dieses Leben mit den Hubots wird auf unterschiedlichen Einsatzgebieten gezeigt: als Haushaltshilfe in der Familie, als Altenpflegeroboter, als Arbeiter in der Fabrik sowie als Liebhaber oder Sexspielzeug. Alles Bereiche, in die Maschinen auch in unserer Wirklichkeit bereits Einzug gehalten haben.

Ist die Serie zwar mit scheinbar kleinem Budget realisiert und auch leider nicht besonders ausgefeilt, so besticht sie doch in zwei Punkten sehr – wenn man sich einmal auf die etwas für uns ungewohnte Machart eingelassen hat. Der Unterschied zwischen Mensch und Hubot ist je nach Modell kaum zu unterscheiden, dann aber doch wieder in Nuancen der Bewegung, Kleidung und Styling sowie der Sprechweise zu erkennen, was beeindruckend gut gespielt ist. Der zweite und weitaus spannendere Punkt sind die zahlreichen Szenen, die einfach nur den Alltag abbilden, der dem unseren beängstigend nah ist und immer wieder Probleme aufzeigt, die in der Form in der Populärkultur selten so weit durchgedacht wurden: Der alte Mann, der von der Familie allein gelassen, eine emotionale Bindung zu seinem Hubot aufbaut, weil er den ganzen Tag mit ihm verbringt; die Kinder, die den Hubot lieber mögen als die Mutter, weil er nie müde ist oder genervt; der Arbeiter, der in der Fabrik verzweifelt, weil er der letzte fehlbare Mensch zwischen lauter Maschinen ist; die Frau, die ihren Mann verlässt, weil der Hubot den ganzen Tag für sie da ist, zuhört, massiert, kocht; und schließlich die Entscheidung eines jeden Einzelnen, ob er den Hubot als Maschine sieht und ihn als solche behandelt oder sich emotional darauf einlässt, ihn als Teil der Familie, der Gesellschaft zu betrachten.

Immer wieder gibt es Momente, in denen die menschlichen Protagonisten im Umgang mit ihren Hubots an ihre emotionalen und moralischen Grenzen stoßen. Nicht nur im direkten Zusammenleben mit ihnen, sondern auch weil die Schwelle zwischen Mensch und Maschine immer schwieriger auszumachen ist, denn es gibt nicht nur Maschinen mit menschlichen Bestandteilen, sondern auch Menschen mit maschinellen Ersatzteilen.

All diese Aspekte der Serie machen großen Spaß und regen extrem zum Denken an, besonders weil sie nicht in einer entfernten Zukunft spielen, sondern unserem täglichen Leben nachempfunden sind. Dabei beschränkt sich die Handlung noch sehr auf klassische Motive. Themen wie Gesichtserkennung, Datenschutz und all die ethischen Fragen, die beispielsweise Google Glasses und Co aufwerfen sind hier noch nicht einmal inkludiert – zumindest noch nicht in den ersten zwei Folgen, die Arte bislang ausgestrahlt hat. Nach diesen ersten Folgen stellt sich noch die Frage, ob der zweite Teil der Handlung über die Outlaw-Hubots, die sich herrenlos formieren, überhaupt notwendig gewesen wäre, aber vielleicht führt er ja noch zu interessanteren Momenten als den bislang dagewesenen.

Alles in allem – trotz diverser Mängel und Logikfehler – eine interessante Sendung, mit insgesamt 10 Folgen auch in vertretbarer Länge und am Donnerstag Abend sicherlich eine Alternative zu Germany’s Next Topmodel, das ja auch nicht gerade durch brillante Dialoge besticht.

Real Humans (Äkta människor), Schweden 2012, 10 Folgen à 58 Min, donnerstags 20.15h, immer zwei Folgen auf Arte (die ersten beiden Folgen online auf arte+7).

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